Warum dein Kind viel im Matsch spielen sollte, damit es später leichter das Schreiben lernt

Kind übt Schreiben
Viel taktiler Input fördert die Feinmotorik

 

Was die Schreibschrift damit zu tun hat, wenn sich ein Kind im Sand wälzt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Als Ergotherapeutin läuft jedoch gleich ein ganzer Film vor dem inneren Auge ab, wenn ich ein Kind dabei beobachte, wie es genüßlich in seinem Essen herummanscht, sich in einer Pfütze suhlt oder mit den Patschehändchen beherzt in den Gatsch greift.

Weiß ich doch, was in diesen Momenten neurophysiologisch in unseren Kleinen abläuft. Spielt ein Kind salopp gesagt viel im und mit Dreck, trainiert es damit massiv seinen Spürsinn. Über die Haut werden verschiedenste Qualitäten von Reizen wahrgenommen, und das Gehirn teilt diese in entsprechende Kategorien ein: weich, rauh, hart, kitzelnd, flauschig und so weiter. Außerdem lernt das Kind seine Körpergrenzen zu spüren – über die Haut erfährt es sozusagen, wo es selbst aufhört und die Umgebung anfängt.

Da das Kind aktiv mit Sand, Matsch, Schaum und Fingerfarben spielt, kommt neben diesem Oberflächenspürsinn auch noch die sogenannte Tiefenwahrnehmung zum Tragen. Wenn das Kind über die Wiese robbt, an den Grasbüscheln reißt und in der Erde wühlt, lernt es etwas darüber, wieviel Kraft es dafür braucht, wieviel Widerstand die Erde bietet und welche Bewegungen es zum Ziel führen.

Die Mischung aus Spürreizen, die über die Haut wahrgenommen werden, und Reizen, die dem Gehirn über Muskeln und Gelenke gemeldet werden, bedient gemeinsam das sogenannte taktil-propriozeptive System. Dieses ist einerseits dafür zuständig, das ein Kind ein realistisches Körperschema entwickelt, das heißt: es „spürt“ sich gut, weiß wo welcher Körperteil ist und schätzt die Größenverhältnisse und Positionen letzterer richtig ein. Je nachdem, welche Reize das Gehirn „geliefert“ bekommt, ordnet es diese ein, greift auf Erfahrungen zurück, gleicht die neuen mit den alten Informationen ab und befiehlt den Muskeln eine bestimmte Bewegung. Je geübter das taktil-propriozeptive System ist, desto besser passt diese Bewegung zur tatsächlichen Situation. Das heißt es wird genau die richtige Kraft eingesetzt, die Bewegung ist weder überschießend noch zu zaghaft und das Kind erreicht, was es vorhatte: die Handlung führt also zum Ziel und das Kind hat ein Erfolgserlebnis.
Speziell die Hände werden durch eine gut funktionierende taktil-propriozeptive Reizverarbeitung zu unserem wichtigsten Werkzeug ausgebildet, auf das wir uns jederzeit verlassen können. Und die Königsdisziplin der Feinmotorik ist die Handschrift. Denn diese ist aus sensomotorischer Sicht tatsächlich eine sehr komplexe Angelegenheit.

Erwischt ihr euer Kind also das nächste Mal dabei, wie es völlig verschlammt vom Spielplatz kommt, sich im Garten auf die sumpfigste Stelle stürzt, sich das Kartoffelpüree überall am Körper verteilt nur nicht in den Mund hinein, mit Freude eure teuren Lippenstifte und Cremes zum Bodypainting benutzt oder mit Papas Rasierschaum eure Terrassentür verschönert, versucht es positiv zu sehen: es lernt gerade was fürs Leben. Und je mehr ein Kind diese Erfahrungen machen kann, desto leichter entwickelt sich die Fein- und damit später auch die Schreibmotorik.

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