„Die spielen doch nur?!“ – Was das therapeutische Spiel vom normalen Spiel unterscheidet

Spielen in der Ergotherapie
Therapeutisches Spiel mit Kindern

Nehmen wir mal an ihr kommt montags in eine therapeutische Praxis und beobachtet eine Physiotherapeutin, wie sie einem Kind, das auf einer großen Plattformschaukel sitzt, ein Sandsäckchen zuwirft.
Dienstags seid ihr wieder da, dieses Mal seht ihr einen Logopäden – Kind ist wieder auf derselben Schaukel, dasselbe Säckchen ist in Verwendung.
Am Mittwoch schaut ihr in dem Moment in den Raum hinein, in dem die Psychologin dem Kind auf der Schaukel ein Säckchen zuwirft.
Donnerstags dasselbe Bild, nur mit dem Psychotherapeuten.
Am Freitag wundert ihr euch schon gar nicht mehr, als ihr die Ergotherapeutin seht, wie sie mit dem Kind auf der Schaukel mit Säckchen spielt.

Naheliegend, dass euch folgende Gedanken kommen: „Die machen ja alle dasselbe!“ oder „Die spielen doch nur?!“

Was steckt also dahinter?

Gehen wir mal davon aus, dass es sich montags bis freitags um dasselbe Kind handelt (armes Kind!). Nennen wir das Kind Greta. Greta ist 5 Jahre alt.

Machen nun tatsächlich alle 5 TherapeutInnen dasselbe mit Greta? Nach außen hin scheint das so zu sein, da jedes Mal die gleichen Therapiemittel dazu verwendet werden – nämlich Schaukel und Säckchen.

Das Spannende an unseren therapeutischen Berufen ist allerdings, dass es nicht so sehr relevant ist, WAS wir in der Therapiestunde benutzen – sondern was wir uns dabei DENKEN.

So benutzt zum Beispiel die Physiotherapeutin die Schaukel, weil Greta eine sehr schwache Rumpfmuskulatur hat – durch das Schaukeln wird diese aktiviert, und beim Fangen des Säckchens werden Gretas Gleichgewichtsreaktionen zusätzlich herausgefordert – sie muss sich beispielsweise auf der Schaukel nach oben strecken oder zur Seite lehnen, um das Säckchen zu erreichen. So kann die Physiotherapeutin auch ganz gezielt bestimmte Muskelgruppen trainieren, in dem sie das Säckchen sehr bewusst platziert.

Der Logopäde hingegen benutzt die Schaukel, da Greta leicht sprachentwicklungsverzögert ist. Was, wie? Ja, richtig gelesen: Schaukeln regt nämlich bei vielen Kindern die Sprachproduktion an – der Logopäde nutzt also diesen sensorischen Input, um währenddessen mit Greta Lieder zu singen, bei jedem Mal Fangen des Säckchens einen Laut zu wiederholen und die Mundbewegungen dabei im gegenüber stehenden großen Spiegel zu beobachten.

Mittwochs ist die Psychologin dran – sie lässt Greta auf der Schaukel sitzen, da diese schlicht und einfach mehr Spaß macht als bei Tisch zu sitzen, was Greta für längere Zeit noch schwer fällt. Greta hat Schwierigkeiten damit, Mengen zu erfassen und zu zählen – die Psychologin nutzt also mit Würfelaugen und Zahlen bedruckte Säckchen, um mit Greta zu üben.

Der Psychotherapeut hilft Greta dabei, sich besser zu fühlen – sie leidet nämlich unter ihren Defiziten, die ihr vor allem im Kindergarten im Vergleich mit ihren SpielgefährtInnen auffallen. Sie zeigt deutliche Ängste und Stressreaktionen. Auf der Schaukel lässt der Psychotherapeut Greta eventuell auf eine innere Reise gehen – auf einem fliegenden Teppich fliegt sie beispielsweise von einer Insel zur nächsten, und darf sich überall eine Superkraft (= Säckchen) mitnehmen, und wird dabei stärker und stärker.

Greta hat nun also bereits 4 Therapiestunden hinter sich, in denen irgendwie alle das Gleiche, aber dennoch überhaupt nicht dasselbe mit ihr gemacht haben. Und nun kommen wir zu meinem Metier, der Ergotherapie. Mir würden jetzt gleich ganz viele unterschiedliche Gründe einfallen, warum ErgotherapeutInnen Kindern auf der Schaukel Säckchen zuwerfen. Aber ich picke in Gretas Fall einfach mal eine Möglichkeit heraus:
Greta malt nicht gerne. Die Ergotherapeutin hat herausgefunden, dass Greta sich erstens schwer damit tut, den Stift entspannt zu halten, da sie (siehe oben) so eine schwache Rumpfmuskulatur hat, wodurch sich die Hand verkrampft. Zweitens scheint sich Greta noch nicht für eine fixe Schreibhand entschieden zu haben.
Die Ergotherapeutin nutzt die Schaukel und die Säckchen also, um einerseits mehr Körperspannung zu erreichen, und andererseits die Verbindung und Zusammenarbeit der beiden Hirnhälften anzuregen, indem Greta mit den Händen häufig die Körpermitte kreuzt, den Oberkörper rotiert bzw. beidhändig an einem Seil zieht, um in Schwung zu bleiben. Einhändiges Werfen und Fangen oder auch das Benutzen eines Werkzeugs (z.B. einer Zange, um die Säckchen vom Boden aufzuheben) helfen dabei, automatisch und spontan die „stärkere“ Hand mehr und mehr zu benutzen. Und da Greta dabei als Piratin unterwegs ist, die ein Schatzsäckchen nach dem anderen ergattert und an geheimen Stellen im Meer versenkt, ist es wohl selbstverständlich, dass sie dabei auch eine Schatzkarte anfertigt, auf der sie die vielen, vielen viereckigen Schätze einzeichnet und die vielen, vielen Verstecke mit unzähligen Kreuzen markiert. Zeichnen lernen hat noch nie so viel Spaß gemacht – oder nicht? 😉

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