AD(H)S – Krankheit oder erfundene Modediagnose?

unkonzentriertes Schulkind, Medikamente
ADHS und ADS - Warum kann sich mein Kind nicht konzentrieren?

Zum Thema AD(H)S kursieren ja viele Artikel im Netz. Besonders gerne auf Facebook geteilt werden Beiträge, in denen die Existenz von AD(H)S angezweifelt, die Gabe von Ritalin angeprangert und wahlweise die Eltern/ das Schulsystem/ die Medien/ die Gesellschaft für die angeblichen Symptome des Kindes verantwortlich gemacht werden.

Höchste Zeit also, dass ich auch noch meinen Senf dazu gebe. Darauf hat die Online-Welt sicher nur gewartet 😉

Meine höchstpersönliche Meinung, gestützt durch meine fast 15-jährige berufliche Erfahrung, ist:

  1. Ja. Es gibt Eltern, deren Erziehungsart, allgemeine Umgangsformen, aber auch einfach Persönlichkeit derart beschaffen sind, dass sie die Entstehung von hyperaktivem, unkonzentriertem und impulsivem Verhalten sowie sozio-emotionalen Schwierigkeiten bei ihrem Kind begünstigen. Diagnose: schwieriges soziales Umfeld.
  2. Ja. Unser Schulsystem ist starr, leistungsorientiert und geht trotz vieler engagierter LehrerInnen oft nicht flexibel genug auf die verschiedenen Bedürfnisse der SchülerInnen ein. Z.B. werden regelmäßig Erstklässler wegen Konzentrationsstörungen & Co. überwiesen, obwohl diese eigentlich völlig normal entwickelt sind – aber eben noch nicht ganz so reif sind wie ihre Klassenkollegen. Die Diagnose lautet in dem Fall: muss halt einfach noch ein bisserl älter werden (meistens betrifft das die Jungs…).
  3. Ja. Übermäßiger Medienkonsum und vor allem der Konsum von ungeeigneten Inhalten lässt Kinder weniger real-life-Erfahrungen machen, führt häufig zu Konfliktsituationen in der Familie und macht süchtig nach schneller Bedürfnisbefriedigung und Belohnung, woraus impulsives Verhalten und leichte Ablenkbarkeit folgen können. Diagnose: zuviel Bildschirm, zuwenig Wald.
  4. Ja. Unsere Gesellschaft hat oft Schwierigkeiten mit Kindern, die nicht angepasst und brav mitmachen, sondern anecken, rebellieren und wild sind. Waren Raufereien unter Schulbuben früher noch ganz normal, wird heute der Psychologe gerufen. Beißt ein 3-Jähriger im Sandkasten andere Kinder, muss sofort etwas unternommen werden, obwohl Beißen in dem Alter eigentlich ziemlich normal ist. Diagnose: Ist halt ein Bub. Aber natürlich gibt es auch Mädels, die wild at heart sind und ihr Temperament ausleben.
  5. Und ja: es gibt AD(H)S.

Mir ist es deswegen ein Bedürfnis, das hier so deutlich zu formulieren, da sich in mir immer alles zusammenzieht, wenn ich all die Kommentare lese, in denen von überforderten Eltern die Rede ist, die ihre Kinder nur ruhigstellen wollen, wo Familien gebasht werden, weil sie völlig falsch miteinander umgingen, und die Müttern und Vätern die Fähigkeit absprechen, zu wissen was gut für ihr Kind ist.
Was für ein Schlag ins Gesicht muss das für die Eltern sein, die TATSÄCHLICH ein AD(H)S-Kind zuhause haben? Wo wir nicht mehr von einem lediglich etwas unkonzentrierten Schussel sprechen, sondern wo das volle Programm zuhause abgeht? Die mit ihrem Kind eine Odyssee auf der Suche nach Hilfe hinter sich haben, hohe Kosten von Therapien auf sich nehmen, alles geben und probieren, und sich irgendwann nicht mehr anders zu helfen wissen, als zu medikamentösen Mitteln zu greifen? Die heilfroh sind, dass es diese Möglichkeit gibt, da sie endlich Zugang zu ihrem Kind finden, bzw. dieses Kind viel zufriedener ist, weil es plötzlich selbst Zugang zu seinem eigenen Potential findet?
Nicht bei jedem AD(H)S-Kind zeigen Medikamente die gewünschte Wirkung, auch das muss dazugesagt werden. Aber bei vielen führt die richtige Gabe vom richtigen Medikament zum richtigen Zeitpunkt dazu, dass das Gehirn endlich in einen Zustand der Ordnung und Ruhe versetzt wird. Das „repariert“ das AD(H)S noch lange nicht. Aber es führt im besten Fall dazu, dass Therapie überhaupt erst möglich wird, dass man endlich zu dem Kind durchdringt, und das Kind plötzlich spürt, was eigentlich in ihm steckt. Es tun sich Möglichkeiten auf. Plötzlich kann das Kind mit anderen spielen, es kann an Schulaktivitäten teilnehmen, es kann verschüttete Fähigkeiten ausgraben. Dabei lernt das Hirn, neue Synapsen werden gebildet, und idealerweise kommt es auf Dauer zu einer „Neukalibrierung“, die es zu einem späteren Zeitpunkt ermöglicht, ein medikamentenfreies Leben zu führen.

Kinder, die unter Punkt 1-4 fallen, aber fälschlicherweise mit AD(H)S diagnostiziert werden, werden – abgesehen davon, dass sie stigmatisiert werden – von Medikamenten nicht profitieren. Auch Kinder, die Punkt 5 zuzuordnen sind, kommen oft ohne zurecht. AD(H)S kommt nämlich in den verschiedensten Abstufungen und Kombinationen vor – bei vielen bin ich sogar geneigt zu sagen, der Übergang von Punkt 4 (Temperament) zu Punkt 5 (ADHS) verläuft fließend. Das heißt, bei vielen AD(H)S-Kindern sehe ich das eigentlich nicht als Krankheit, sondern eher als spezielle Persönlichkeitsstruktur. Menschen mit einer AD(H)S-Struktur ticken ein bisserl anders, die Verschaltungen im Gehirn passieren schneller, sodass der Nicht-AD(H)Sler sie oft nicht nachvollziehen kann, und sie schlagen oft ungewöhnliche Wege ein. Aber sie schaffen dies mit verständnis-, liebevoller und vor allem geduldiger Unterstützung häufig auch ohne Medikamente, deren Nebenwirkungen und der oft mühsamen Findung der richtigen Dosierung oder des passenden Präparates.

In manchen Fällen, die glücklicherweise aber selten sind, ist die AD(H)S-Symptomatik aber derart vorherrschend, dass ein normales Leben kaum mehr möglich ist: das Kind leidet (wobei viele AD(H)S-Kinder nicht wirklich unter ihren eigentlichen Symptomen leiden, da sie die selbst oft gar nicht als schlimm bewerten, sie leiden jedoch unter der Art, wie ihr Umfeld negativ auf sie reagiert), die Familie ist enorm belastet, die Schule macht Stress, die anderen Kinder reagieren abwehrend, keine Therapien schlagen nachhaltig an. Und dann kommt es natürlich auch leicht zu einer negativen Dynamik, und plötzlich kommen die Familien in einen Strudel, wo jeder seine festgefahrene Rolle einnimmt, und zusätzlich zum AD(H)S noch andere erschwerende Faktoren hinzukommen.

Ich breche also hiermit eine Lanze für all die betroffenen Eltern: ihr leistet Unglaubliches, und jeder, der euch einzureden versucht, AD(H)S existiere nicht, hat einfach noch nie ein „echtes“ AD(H)S-Kind kennen gelernt.

5 Kommentare zu „AD(H)S – Krankheit oder erfundene Modediagnose?“

  1. Erstklässler also nur die männlichen? weil ohne Innen können ja natürlich nur die männlichen gemeint sein …
    Wenn schon dann konsequent sein

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  2. Toll geschrieben! Fantastisch! Von dir (!) würde ich gerne ein paar Zeilen über ADS lesen. Da finde ich die Situation noch schlimmer, da sie viel leichter und länger verkannt wird. Druck von der Schule, von der Umwelt Unverständnis- wir haben das Kombi-Angebot: Asperger-ADS verpackt in einem lieben, ruhigen, freundlichen, zurückgezogenen Jungen, der nicht mal einer Ameise was tun würde… und glaubt, die ganze Welt ist gegen ihn, weil er so oft vom System überfordert wird. Und ich, ich spiele den Hubschrauber, die Drohne… bis zur Verzweiflung, denn er hätte ein Leben integriert und inkludiert verdient. Aber unsere Gesellschaft… tja….

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  3. Als Psychiaterin sage ich, selbst bei Erwachsenen kann die Diagnose und entsprechende Behandlung ein wahrer Augenöffner sein. So nach dem Motto „Ich bin vielleicht doch kein Versager, der in seinem Leben nichts auf die Reihe kriegt.“ …wenn denn die Diagnose zutrifft und es sich nicht um etwas anderes handelt, wie du’s eben beschrieben hast.

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